Industrie 4.0 und schlanke Produktion

Zum Thema schlanke Produktion hat sich in der fachlichen Diskussion seit einiger Zeit das Thema Industrie 4.0 hinzugesellt. Dabei wird eine große Bandbreite diskutiert: Von „Lean wird durch Industrie 4.0 abgelöst“ über „Ziel ist die menschenleere Fabrik“ bis zu „man muss zuerst schlank sein, um i 4.0 machen zu können“, sind wirklich alle Positionen vertreten. Dem wollen wir in diesem Beitrag unsere Position hinzufügen.

Die Schlanke Produktion bemüht sich kurz gesprochen um Standardisierung und Vereinfachung – Verschwendung gilt es zu reduzieren oder sogar zu eliminieren. Dafür stehen dem Menschen einfache Methoden und Werkzeuge zur Verfügung. Man möchte, dass sich die Mitarbeiter ein Umfeld selbst gestalten, in dem sie produktiv und mit möglichst wenig Fehlermöglichkeiten arbeiten.

Industrie 4.0 arbeitet, neben weiteren Zielen, ebenfalls an der Steigerung der Produktivität. Die Mittel werden jedoch anders gewählt. Hier geht es um den Einsatz von (Informations-)Technologie zur Produktivitätssteigerung und Fehlerreduzierung. Damit wird Industrie 4.0 nicht vom Shopfloor-Mitarbeiter getragen, sondern von Spezialisten aus anderen Abteilungen.

Wenn diese beiden kurzen Absätze unser Grundverständnis umreißen, kann man daraus einige Ableitungen treffen, die beide Ansätze pragmatisch miteinander verbinden, um sich das Beste aus beiden Welten für seine eigenen Prozesse zusammenzustellen:

  • Die Verschwendung in den Prozessen so weit wie möglich zu reduzieren ist und bleibt eine elementare Aufgabe einer Organisation. Dabei die Mitarbeiter einzubinden und sie in den Methoden auszubilden ist eine sinnvolle Investition in die Wettbewerbsfähigkeit eines jeden Unternehmens. Der KVP-Workshop gemeinsam mit den Mitarbeitern bleibt da das Mittel der Wahl.
  • Möglichkeiten zu nutzen, die Produktivität mit Hilfe von Technologieeinsatz zu verbessern, ist ebenfalls sehr sinnvoll. Es gibt durch die Vernetzung, den Einsatz von Apps oder die Erfassung und Auswertung von Daten neue Ansatzpunkte zur Produktivitätssteigerung, die zuvor und bei ausschließlicher Betrachtung des Lean Thinking einfach nicht vorhanden waren. Diese Möglichkeiten gilt es zu nutzen.
  • Was die Reihenfolge angeht, so gilt: „Verschwendung eliminieren statt sie zu automatisieren“. Also zuerst die Prozessoptimierung in Richtung eines verschwendungsarmen Prozesses, dann die Abbildung in oder Anbindung an Informationstechnologie.
  • Das Thema „Daten“ wird eine deutlich höhere Bedeutung im Rahmen von Verbesserungsprozessen einnehmen, als dies bislang der Fall war. Lean Management hat auf Zettel und Stift gesetzt. Industrie 4.0 erzeugt große digitale Datenmengen, die aufbereitet und interpretiert werden müssen. Darin werden sich Management und Mitarbeiter qualifizieren müssen.
  • In der Diskussion über Industrie 4.0 kann der ausführende Mitarbeiter relativ schnell in Vergessenheit geraten. Auch mit den Möglichkeiten der neuen Technologien gilt es jedoch, den Prozess vom Mitarbeiter her zu denken, ihn zu unterstützen mit dem was er braucht – und dies gemeinsam mit ihm zu entwickeln.
  • Sowohl Lean Management als auch Industrie 4.0 sind ein Lernprozess für eine Organisation. Deswegen gilt für beides: Einfach mal anfangen. Budgets für Erprobungen, Pilotprojekte, Leuchttürme sind sinnvoll angelegtes Geld. Was funktioniert wird weiter getrieben, was auch nach mehreren Iterationen nicht funktioniert, stellt man wieder ein.

Hält man sich an diese sechs Punkte, ist im Rennen um die Produktivitätssteigerung und die Produktivitätskultur, die jede Führungskraft in seinem Verantwortungsbereich so gerne hätte, schon viel gewonnen. Wichtig ist das Verständnis, dass es sich bei Lean und Industrie 4.0 nicht um ein entweder oder handelt, sondern dass beide Teile ihren Beitrag zur Produktivität leisten können und sollen. Dass jetzt zusammenkommt, was in der Vergangenheit nicht zusammen war, nämlich Lean und Informationstechnologie, ist eine Herausforderung insbesondere an die beteiligten Manager und die vorherrschenden Kulturen in den Bereichen. Wir wünschen viel Spaß dabei, diese Hürden im eigenen Kopf zu überwinden.